Gedanken zum FC-Vorstand und zum Dasein als Fan

Robin Loew-Albrecht äußert sich zur Debatte über die Führungskrise beim 1. FC Köln. Der Präsident des FC-Fanclubs „Wilder Süden“, der zu den mitgliederstärksten gehört, sorgt sich um die Zukunft seines Vereins und plädiert für mehr Miteinander, kritisiert die allgemeine Entwicklung im Fußball und bezieht Stellung zur Investorenthematik.

Robin Loew-Albrecht äußert sich zur Debatte über die Führungskrise beim 1. FC Köln. Der Präsident des FC-Fanclubs „Wilder Süden“, der zu den mitgliederstärksten gehört, sorgt sich um die Zukunft seines Vereins und plädiert für mehr Miteinander, kritisiert die allgemeine Entwicklung im Fußball und bezieht Stellung zur Investorenthematik. Führungskraft beim FC zu sein, das hört sich schön an, ist aber mit einer großen Verantwortung verbunden, selten mit Lob oder Applaus. Als ehemaliger Präsident in einem durchaus erfolgreichen Amateurverein (6.+7.Spielklasse) sind mir die Probleme,  unterschiedlichen Aufgaben, Herausforderungen und Strömungen sehr wohl bekannt. Die getroffenen Entscheidungen sind nicht immer populär, aber eben oftmals notwendig. Sie sind nicht immer richtig, aber man vertritt sie, steht zu ihnen, setzt sie aber auch durch und übernimmt hierfür im Scheitern die Verantwortung. Klar ist, Jede Entscheidung ist angreifbar und lässt sich im Nachhinein leicht kleinteilig zerlegen. Getroffen werden muss sie aber, und zwar BEVOR man alles besser weiß! In diesem Amateurverein konnte ich in sportlichen und in finanziellen Fragen auf sehr kompetente und loyale Kollegen zurückzugreifen. So konnte ich abgeben und hatte in die Geschicke der Anderen volles Vertrauen. Es wäre illusorisch zu glauben, in allen Aufgaben die notwendige Kompetenz aufzubringen. Jedem seine Stärke!

Dialog und ein Miteinander scheinen beim FC nicht stattzufinden

Es ist eigentlich selbstverständlich, dass in einem Verein alle Verantwortlichen an einem Strang ziehen und ihre Energie voll und ganz dem Wohle des Vereines widmen. Dieses Miteinander würde ich mir als FC-Fan auch in unserem Verein sehr wünschen. Dies scheint mir nicht immer vorhanden zu sein, wenn man seine persönlichen Einsichten im Verein mit denen der Berichterstattung abgleicht. Der konstruktive Austausch und Dialog mit allen Beteiligten – würde er denn stattfinden – könnte aufkommende Probleme und Herausforderungen deutlich abmildern und man würde Vorteile daraus schöpfen. In einem Verein geht es stets um die Sache, nicht um persönliche Interessen und dessen Empfindlichkeiten. Dass dieses Miteinander eigentlich möglich sein könnte, haben mir diverse Protagonisten der Führung schon gezeigt. Werner Wolf und Carsten Wettich kenne ich schon seit Längerem. Wolf aus der Zeit, indem er unseren FC nach Overath Amtsende kommissarisch übernommen hatte und Carsten aus der Kurve.

Vorstand zeigt bisher, dass er den Fandialog ernst nimmt

Unsere Zusammenarbeit intensivierte sich mit dessen Amtsantritt. Die Nähe zum Fan und zu Mitgliedern beweisen uns alle drei Vorstände. Erstmals seit 30 Jahren haben wir vom Wilder-Süden das Gefühl, dass ein FC-Präsidium sich unseren Fragen nicht nur annimmt, sondern auf Augenhöhe die Kommunikation zu uns sucht. Diese positive Entwicklung setzt sich nun in der Zusammenarbeit im FC Fan-Dialog fort. Unseren Vorstand sehe ich also insgesamt nicht als Quertreiber – ganz im Gegenteil – als jeweils für sich sehr kompetente Personen. Daher empfehle ich, erst einmal das am 17.6. angekündigte Konzept abzuwarten, um bei Bedarf in der Folge daran zu feilen. Die Ausarbeitung hat erstmal Respekt verdient und stellt eine Diskussionsgrundlage dar, auf der sich aufbauen lässt.

Dass nicht jeder das aktuell so sieht, hat man zu akzeptieren. Dennoch sind Beschuldigungen ohne Fakten und Beweise sowie Hetze im Internet und Medien nicht ganz mein Verständnis von Werten im Miteinander.

Die grundsätzliche Problematik und die sinkende Glaubwürdigkeit des Profifußballs

In meiner Funktion als Fanclub-Vorsitzender, ebenso als Beirat im Fanprojekt, als Teilnehmer im FC Fan-Dialog, als FC-DFB-Fanvertreter, als Mitwirkender bei „Unserer Kurve“, aber auch als ehemaliger Vereinsvorsitzender habe ich viel über die unterschiedlichen Gesichter des Profifußballs gelernt.

Aber auch ohne meine Eindrücke schaue ich als Fan sowie als Unternehmer eher kritisch auf die generelle Entwicklung im Fußball. So würde ich mir wahrlich eine Erdung des Profifußballs mit einem wirklichen Fair-Play und einer Integrität des Wettbewerbes wünschen. Der gesellschaftliche Blick hat sich durch die Folgen der Pandemie, also mit der Offenlegung der auf Kante gestrickten Geschäftsgebaren der Proficlubs, deutlich zum Negativen verändert. Ohnehin sind Spielertransfersummen in astronomischen Höhen genauso wenig vermittelbar, wie der notgedrungene Druck nach immer mehr Kapital, welches die Spielergehälter- oder/und Schuldenlöcher stopfen soll. Erst recht nicht, wenn hierzu staatliche Sicherheiten erforderlich sind.
Alle diese Praktiken werden vom Bürger mit zunehmenden Unverständnis und mit Antipathie vernommen. Ohne Zweifel sollten wir in diesem Kontext auch über die Deckelung von Spielergehälter
und Beraterhonoraren diskutieren.

Generelle Entwicklung im Fußball: Aus „Wir“ wird „Ich“

Um diesen Irrsinn und dem ständigen Lechzen nach immer höheren Kapitaleinsatz ein Ende zu bereiten, bedarf es dringender Reformen. Leider war die von den Funktionären versprochene Demut und die groß angekündigte Task-Force offenbar wieder nur ein geschicktes Ablenkungsmanöver. Vermutlich um uns Fans wieder einmal falsche Hoffnungen zu schenken, um in der Folge aber letztlich so weiterzumachen wie bisher. Die Farce um die TV-Geldvergabe ist ein guter Beweis hierfür. Die Glaubwürdigkeit geht verloren. Aus „wir“ wird „ich“!

Daher betrachte ich – gerade nach der Pandemie – eine generelle und vor allem echte Fan-Nähe von Funktionären, sowie die besondere Aufmerksamkeit für die vorgenannten Reformen, für nachhaltig
und klug. Es ist vorbildlich, seine Basis nicht nur als Konsumenten zu sehen und sich als Proficlub den fanpolitischen Haltungen mehr denn je zu widmen.

Haltung und Position einnehmen

Ohnehin sehe ich unserem 1.FC Köln als viertgrößten bundesdeutschen und ausschließlich mitliedergeführten Verein in einer interessanten Ausgangs- und in einer sehr guten Wirkungslage.
Nämlich dann, wenn er die Karte seiner Stärke ausspielt und unserer Gesellschaft verantwortungsvoll neue Antworten für eine gerechte Bundesliga liefert. Die DFL besteht aus 36 Mitgliedern – sprich aus
allen Bundesligisten der 1. und 2.Liga. Bislang entnehmen wir dort, dass unser Verein sich bei den entscheidenden Abstimmungen stets zu Gunsten der Rädelsführer verhält. Ist dieses Handeln richtig?
Oder wäre es nicht an der Zeit, als 1.FC Köln diesbezüglich eine klare Position einzunehmen. Der FC könnte aktiv eine positive Veränderung des Profifußballs mit einleiten, die Gesellschaft bittet eigentlich um Sendung eines solchen Reformsignals. Eine sportlich und wirtschaftlich ausgeglichenere Bundesliga würde vielschichtige und positive Aspekte mit sich ziehen. Er könnte seiner Verantwortung bis in den Kreis- und Jungendfußball gerecht werden und zudem die Investorenfrage wieder unter einem anderen Blickwinkel setzen.

Fehlende Informationen

Sicherlich hatte ich durch meine Fanarbeit die Möglichkeit mir unterschiedliche Einblicke zu verschaffen, welches mich in die Lage versetzt, mir das eine oder andere Urteil zu erlauben. Dennoch, ich bin Fan und lass mich von meinem FC Herzen und Bauchgefühl leiten. Hin und wieder erwische ich mich dabei, mich zu sehr von Schlagzeilen mit falschen Hoffnungen beeinflussen zu lassen. Als gemeiner Fan bleiben mir nicht viele Informationsquellen und es erweckt sich mir mehr denn je der Eindruck, dass sich viele Funktionäre einen Vorteil verschaffen wollen, in dem sie das generelle Desinteresse der Fans an Fan-/Vereins-/Verbandspolitischen Themen ausnutzen. So birgt
dieses geringe Wissen – auch hinsichtlich der kommenden Mitgliederversammlung – die Gefahr einer nicht ausführlichen und ausgeglichenen Informationspolitik.
Daher kann ich auch die Bedenken für eine zukünftig hybride Mitgliederversammlung verstehen, ohne mir selbst ein abschließendes Urteil hierzu gebildet zu haben. Es gibt hierfür viele Fürs, aber auch genauso viele Widers. Stellen wir die These in den Raum, dass beispielsweise eine BrexitEntscheidung evtl. einen anderen Verlauf genommen hätte, wenn im Vorfeld allen Engländern die
tatsächlichen Konsequenzen von vornherein klar gewesen wären. So wirkte die Abstimmung auf mich sehr emotional und etwas entfernt von einer Faktenlage.

Welchen Preis will man für den Erfolg zahlen?

Ich sehe sehr wohl die Problematik, dass wir in den letzten 30 Jahren lediglich mittelmäßigen Fußball serviert bekommen haben und dabei sechs Abstiege hinnehmen mussten. Die Sehnsucht nach erfolgreichem Fußball ist nachvollziehbar und erstrebenswert. Jedoch zu welchem Preis? Da ist hier die Frage.

Ergo ist das Thema Investoren, ob Ja oder Nein, eine derzeit heiß diskutierte Schlüsselfrage. Eine bislang nur auf Fronten geführte Debatte, in der es nur Schwarz oder Weiß zu geben scheint. Dies ist
eine sehr sensible Aufgabenstellung, die meiner Ansicht nach konstruktiv besprochen gehört. Ich betreibe im Kleinen mein persönlicheres FC-Sponsoring – also sozusagen Kommerz mit Herz – aber für alle meine finanziellen Einbringungen würde ich niemals eine Mitsprache einfordern. Es ist eben eine Frage mit welcher Intention ich diese Förderung sehe und wie ich zu meinem Verein stehe. Vor allem Invest steht in jedem Unternehmen erstmal ein Konzept, eine Strategie und eine Philosophie. Dann folgen die Personen, die es tragen, sich damit identifizieren, leben und gestalten! Dann kommt als dritte Komponente – das Geld – ins Spiel! Eigentlich bitte in dieser Reihenfolge und nicht andersherum.

Im Klartext nutzt es unserem 1.FC Köln nichts, kurzfristiges Kapital zu jedem Preis herbeizuschaffen, ohne dass ein tragendes Konzept diesen Einsatz stützt. Alles andere ist Träumerei und Casinotaktik.

Ist der Schrei nach einem Investor aus Not oder Überzeugung?

Alle unseren Mitgliedern im Wilder-Süden vereint dieses Gefühl einer besonderen Gemeinschaft, ein Ergebnis aus einer sympathischen Ausstrahlung unseres Vereins. Dass diese Empfindung von einer
außergewöhnlichen und weltoffenen Stadt wie Köln ausgeht, macht es noch anziehender. Wir sind alle wahrlich keine Erfolgsfans, aber dennoch pilgern wir Jahr für Jahr ohne zu zögern nach Müngersdorf und stehen Spiel für Spiel zusammen. Unser FC verbindet und schenkt uns Fans einen besonderen Halt sowie ein außergewöhnliches Lebensgefühl. Es sind diese und sicher noch viele andere Faktoren, die zu diesem FC-Phänomen beitragen – aber der fußballerische Erfolg alleine kann es wahrlich nicht sein. Lasst uns unsere Seele und Werte wie einen unersetzbaren Schatz behüten.

Wir sollten nun alle einen klaren Kopf wahren und nicht Schnellschüsse aus einem rein emotionalen Handeln verursachen. Wir könnten es im Nachhinein bitter bereuen.

Euer
Robin Loew-Albrecht

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